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Lutz Dammbeck

Robert Wilson

David Tremlett

Arnulf Rainer

Mike Bouchet

Rodney Graham

Sonia Leimer

Peter Kogler

Hannes Schmid




Lutz Dammbeck

Von der bildenden Kunst kommend entdeckte Lutz Dammbeck (*1948) in  den frühen 1970er Jahren den Animationsfilm als Experimentierfeld und  Ausdrucksmittel. 1982 begann er, unter Einbeziehung unterschiedlichster  Medien (Bild-, Text- und Körpersprache/Tanz), mit dem ‚Herakles-Konzept’  – ein sich permanent fortschreibendes Gesamtkunstwerk, Archiv und Collage  zugleich, an dem die Arbeit bis heute fortdauert.  Herakles ist – in Anlehnung an den 1972 von Heiner Müller verfassten Text  „Herakles 2 oder die Hydra“ – Archetyp eines ambivalenten Helden, der in  seinem Kampf gegen das Böse eben dieses Böse nährt und eins mit ihm wird. 


Lutz Dammbeck, REALFilm
Mediencollage 1985
© Lutz Dammbeck VG BILD-KUNST 2010 / Karin Plessing (Foto)



Im ‚Herakles-Konzept’ wird diese Denkfigur Zentrum der Auseinandersetzungen mit den Bauplänen der Moderne und Gegenmoderne des 20. Jahrhunderts. In ihr überlagern sich die Idee und die Gestalt vom ‚neuen Menschen’ mit der Gestalt ihrer Konstrukteure.  Den Gegenpol bildet der von den Gebrüder Grimm in Gestalt des ‚eigensinnigen Kindes’ überlieferte Archetyp des erst um den Preis des ‚doppelten Todes’ zu Disziplinierenden.  Der heldenhafte Herakles und das widerspenstige, eigensinnige Kind markieren Eckpunkte eines Spannungsfeldes, in dem der Künstler seine inzwischen  über ca. drei Jahrzehnte geführten Auseinandersetzung mit der Moderne verankert. Lutz Dammbeck sieht sich in seiner Arbeit als ein Monteur, der Archivalien  unterschiedlichster Art sammelt und bearbeitet und mit eigens produziertem  Materialien zu einer „Archäologie der Erinnerung“ zusammenführt. Neben  raumfüllenden Installationen und Collagen entstand über die vergangenen  Jahrzehnte auch eine Reihe international erfolgreicher Experimental- und  Dokumentarfilme. Im Raum für Fotografie werden acht dieser Filme zur Ansicht geboten. Die in ihnen angelegten filmischen Untersuchungen der verschiedenen politischen respektive gesellschaftlichen Versuche, der Normen,  Methoden und Werkzeuge der Konstruktion der Herakles-Figur werden um  eine Lese- und Studienecke erweitert. In ihr bietet Dammbeck Materialien für  eine erweiterte Auseinandersetzung mit seinem Generalthema, der „Leerstelle HERAKLES“. In Filmen wie „Herakles Höhle“ (1990), „Das Netz“ (2003) oder in Installationen wie „PARANOIA“ (Akademie der Künste, Berlin 2005) hatte sich Dammbeck mit der Rolle von Kybernetik, Sozialwissenschaften, Psychologie und  neuen Technologien bei der Konstruktion eines Bildes von Herakles beschäftigt.



Lutz Dammbeck, SEEK II Installationsansicht, 2007 © Lutz Dammbeck VG BILD-KUNST 2010 / Betram Kober (Foto)




Nun bietet er zusätzlich Recherchematerial zu „Overgames“ (Arbeitstitel), einem Film, der zurzeit im Entstehen ist und sich mit einem Paradigmenwechsel in der Konstruktion des Herakles auseinander setzt: Mit der sogenannten „RE-EDUCATION“ fand im westlichen Teil Deutschlands nach 1945  in einem Großversuch eine Umkodierung von Identität statt. Welchen Intentionen folgte dies? Wer entwickelte die Werkzeuge und Methoden? Wo liegen  die Verknüpfungen mit und die kausalen Zusammenhänge henden Versuchen einer Weltheilung von links wie rechts?  

Education / Re-Education / Re_Re-Education
Lutz Dammbeck. Filme 1979 – 2003

Der in Leipzig aufgewachsene und seit 1986 in Hamburg lebende  Künstler Lutz Dammbeck arbeitet, wie Barbara Straka 1997 schreibt,  »an einem der paradigmatischen Themen der jüngeren Kunstgeschichte«1, an einer Archäologie der Erinnerung. Begriffe wie kollektives Gedächtnis und kollektive Identität, wie System, Modell, Zitat,  Montage und Archiv, nehmen in einem solchen Arbeitsansatz eine  zentrale Stellung ein. Als Künstler-Archäologe gräbt Dammbeck in  den Ablagerungen der Geschichte nach Verschüttetem und Verborgenem. Der performativ-skulpturale Aspekt dieser Arbeitsweise liegt  in der Re-Organisation des auf den ersten Blick disparaten Materials,  das Dammbeck »hebt« und in neuen, komplexen zeit-räumlichen  Verschränkungen zusammenführt. Es entstehen Arbeiten auf Papier  (Zeichnungen, Druckgrafik, Fotografien und Collagen), Arbeiten auf  und mit Leinwand, skulpturale Objekte, Mediencollagen und – bis  heute – mehr als 20 Experimental- und Dokumentarfilme.  Vorliegender Text widmet sich vor allem jenen Filmen und Mediencollagen, in denen Lutz Dammbeck eine ästhetische Verfahrensweise  entwickelt, die sein filmisches Werk, wenn auch in sich wandelnder  Form, bis heute bestimmt.  Man kann Lutz Dammbeck auch als einen Meister des Roadmovies  bezeichnen, einer Gattung, die getragen ist von der Idee einer ersehnten utopischen Ferne, die, wo immer man auf der Reise ist, stets  aufs Neue entrückt. Das Feld, in dem sich die Bewegung intellektuell  positioniert, kreist »um ... das Gefangensein in politischen, ästhetischen oder technologischen Systemen, um die Möglichkeiten und die  Unmöglichkeiten des Ausbruchs also, um Gewalt, Schuld und Strafe.  Die Projektionsfläche ... ist die Spannung von Moderne und Antimoderne, von Fortschrittsmodellen und konservativer Revolution, was  die damit verbundenen, aus der Moderne nachwirkenden Utopien mit ihrem totalitären Gehalt und dem geistigen und physischen Terrorismus als höchster Depravation dieser Utopie einschließt.«2  Zwei sich aus der mythologischen Überlieferung resp. der Literatur  speisende Denkmodelle bzw. Archetypen bilden seit den frühen  1980er Jahren ein weiteres Spannungsfeld, in dem Lutz Dammbeck  seinen Arbeitsansatz verankert. Da ist auf der einen Seite der griechische Held Herakles, insbesondere jene Lesart, die Heiner Müller mit  dem Text Herakles 2 oder die Hydra3 in den Diskurs einführt. Er berichtet davon, wie der übermenschlich starke Held, zwischen den  Fronten eines zerstrittenen Götterpaares unschuldig schuldig geworden an Frau und Kindern, sich auf den Weg macht, um das mehrköpfige Ungeheuer, die Hydra, zu töten. Es ist eine von zwölf Aufgaben,  die ihm erteilt wurden, um Sühne zu leisten. Er geht in den Wald – in  der Überlieferung sind es die Hälse der Hydra, die ihn wie Äste und  Zweige umgeben –, und er spürt, so der Dichter Heiner Müller, wie  das Böse an ihm Maß nimmt, sich an ihm ausrichtet und mit ihm  wächst, sich von ihm ernährt. Herakles, illegitimer und gehorsamer  Sohn des Zeus, wird eins mit dem Bösen, das er bekämpft.  Dammbeck liest diesen Text, der für sich allein Widersprüche genug  bietet, dem Märchen vom eigensinnigen Kind gegen. Es ist das kürzeste und vielleicht grausamste der Märchen der Gebrüder Grimm.4  Es erzählt von einem Wesen, dem aufgrund seines Eigensinns selbst  der einfache Tod verwehrt wird, das auch aus dem Grab noch eigensinnig die Hand streckt und selbst dort noch in einem einsamen und  aussichtslosen Duell von der Mutter gezüchtigt wird: Diese Art verdoppelter Tod gilt, so Elisabeth Weber, als Strafe für höchste Verbrechen, insbesondere den Vatermord.5 
Es sind zwei gegensätzliche Rollenmodelle, die sich in Herakles und  dem eigensinnigen Kind begegnen. Dammbeck spielt sie in den  kommenden Jahrzehnten in unterschiedlichen kunst- und kulturgeschichtlichen »Besetzungen« durch. Er fragt nach dem Bild des Helden, nach den in ihm angelegten Konditionierungsmodellen und nach  den Notwendigkeiten und möglichen Formen individuellen Widerstandes gegen die Macht kollektiver Konditionierung. Dies führt ihn, ausgehend von der Wandervogelbewegung in den frühen Jahren des 20.  Jahrhunderts, über eine stets vielschichtige Auseinandersetzung mit  den Totalitarismen des vergangenen Jahrhunderts, bis hin zu Theodore »Ted« John Kaczynski, bekannt geworden als Unabomber, der  mit Briefbombenattentaten, vor allem auf Universitätsprofessoren und  Vorstandsmitglieder von Fluggesellschaften, die USA in Schrecken  versetzt hatte.  Wie bei vielen jener Künstlerinnen und Künstler, die seit den 1960er  Jahren an einer Archäologie der Erinnerung arbeiten, liegt der Ausgangspunkt des Interesses Lutz Dammbecks bei der Befragung der  Vätergeneration. Die erste deutsche Nachkriegsgeneration, aber  auch jene, deren Biografien auf andere Weise und an anderen Orten  von Erfahrungen gesellschaftlicher Umbrüche gezeichnet sind, sieht  sich auf besondere Weise vor die Herausforderung gestellt, Genesis,  Konstruktion und Bedeutung von Geschichtsbildern und Wertesystemen zu hinterfragen. Gibt es ähnlich funktionale Archetypen? Wo liegen historische Wurzeln und möglicherweise archaische Grundmuster? Und welche alternativen Perspektiven und Handlungsoptionen  existieren?  Lutz Dammbeck, Jahrgang 1948, gehört jener Generation an, die  man in Westeuropa »die Achtundsechziger« nennt. Sein ’68 erfährt er  in Prag. Gemeinsam mit Kommilitonen – er studiert nach einer Ausbildung als Schriftsetzer seit 1967 an der Hochschule für Grafik und  Buchkunst Leipzig Buchgestaltung und Plakat – erlebt Dammbeck,  wie sowjetische Panzer den kurzen sozialistischen Frühling beenden;  ähnliche Fahrzeuge hatte er schon am 17. Juni 1953 vor dem Fenster  des elterlichen Wohnzimmers in Leipzig gesehen.6 Dammbeck benennt die polnischen Grafiker Franciszek Starkowieyski (1930 –2009), Jan Lenica (1928 – 2001) oder Walerian Borowczyk (1923 –  2006), aber auch Filme, die seit 1967 im westdeutschen Fernsehen  ausgestrahlt werden, amerikanische Cartoons, die Pop-Art und die  Rockmusik – von den Stones über Cream, Vanilla Fudge und Jefferson Airplane bis zu DDR-Bands wie die illegal im Studentenkeller auftretende Renft-Combo – und Filme von Michelangelo Antonioni und  Jean-Luc Godard als wichtige Inspirationsquellen. Die jährlich in  Leipzig stattfindende internationale Dokumentarfilmwoche zeigt auch  Experimentelles, Dammbeck erinnert sich an einen Film von Michael  Snow.7 Zudem beherbergt die Familie Dammbeck, der Vater arbeitet  auf der Leipziger Pferderennbahn als Trainer, regelmäßig Messegäste aus der BRD, die Spuren der Parallelwelt im eigenen, beengenden  Kosmos hinterlassen. 1972 legt der Absolvent der Leipziger Hochschule dem Dresdener DEFA-Studio für Trickfilm seine Abschlussarbeit, erste Filmentwürfe, vor. Zwischen 1975 und 1986, dem Jahr der  Ausreise in die BRD, entstehen in Folge sieben Zeichentrick- bzw.  Flachfiguren und Sandanimationstrickfilme.  Schon Der Mond aus dem Jahr 1975, ein unter dem Label Kinderfilm  laufender knapp sechsminütiger Streifen, bei dem Dammbeck erstmals auch für Buch und Regie verantwortlich zeichnet, wird auf dem  11. Internationalen Animationsfilmfestival Annecy 1977 mit einem  Förderpreis ausgezeichnet. Die Story erzählt in zumeist organisch  schwellender Formensprache die Geschichte eines Mondes, der, angelockt vom fröhlichen Treiben nächtlicher Freigeister, vom Himmel  steigt, um an deren Fest teilzuhaben. Stattdessen landet er versehentlich in einem Brunnen. Ein böses, gefräßiges Wesen nimmt ihn  gefangen und verbannt ihn, nach dem vergeblichen Versuch, ihn zu  verspeisen, in der von ihm bewohnten Höhle auf seine übervolle Tafel. Das bunte Völkchen macht sich auf, um den Mond zu befreien:  Das Böse wird ins Gebüsch geschlagen, der Mond steigt wieder auf  in den Himmel, und die Welt liegt im nächtlichen Frieden – Happy  End. Ob diese Geschichte eine Parabel auf den von wissenschaftlichem Interesse gespeisten Eroberungsdrang der Menschen ist oder  ob man die aus Nachtblüten geborenen Freigeister gar als Inkarnation der eigenen, ersten DDR-Nachkriegsgeneration und den Mond für  ihr romantisches Licht der Freiheit im Reich nachwirkender nächtlicher Schatten der Vergangenheit interpretiert, bleibt dem Betrachter  überlassen.  Ein ähnlich utopisch-sinnenfrohes Moment scheint wenig später,  wenn auch in gänzlich anderer Form, in dem 1978 / 79 auf 35 mm  produzierten Streifen Metamorphosen I noch einmal auf – einem Film,  der im Kontext eines als intermedial geplanten und letztendlich nicht  realisierten Ausstellungsprojektes entsteht und auf gemeinsame Vorarbeitenmit dem Leipziger Maler Frieder Heinze zurückgeht: Eine  Gruppe Frauen und Männer um die 30 besteigt einen Zug und steigt  wenige Minuten später wieder aus. Die während der Fahrt vor den  Fenstern vorbeiziehende Rückseite der Stadt wird überwuchert von  sich ständig in Bewegung und Verwandlung befindenden Formen und  Farben – Augen, Pflanzen, abstrakte Formen, Schrift –, die mittels  Rasierklinge, Radiernadel und Ölfarbe auf das Filmmaterial aufgebracht sind. Unterlegt mit einer stark rhythmisierenden Musik (Gitarre  und Percussion), fügt sich dies zu einer fast rauschhaften Seherfahrung. Dass die Reise lediglich von Dresden-Neustadt nach DresdenPieschen führt, schränkt das Greifen der Kategorie »Roadmovie«  keineswegs ein: Die Begrenztheit des Lebensraums wird mit individuellen Visionen überschrieben bzw. in ihnen analytisch entfaltet. Die  Reise von A nach B führt – in den vielfachen Zeicheneinschüben und  -metamorphosen – bereits über X und Y und P.  Lutz Dammbeck steht mit dieser Art Arbeit am und mit dem filmischen  Material in jenen Jahren in der DDR nicht allein. Künstler wie A. R.  Penck alias Ralf Winkler greifen Ende der 1970er Jahre auf den Super-8-Film zurück, um das Dogma des klassischen Tafelbildes  aufzuweichen.8 Die Beschränkungen, die Zweidimensionalität und  Rahmen vorgeben, werden mittels der Dimension Zeit und ihrer vielfachen Überschreibungen aufgebrochen. Für Dammbeck ist der Zuspruch Wieland Herzfeldes, dem Bruder des von ihm verehrten John  Heartfield, im Anschluss an die Uraufführung anlässlich der Feier des  zehnjährigen Bestehens der Galerie Arkade im Künstlerklub Möwe  ein »Ritterschlag«.9  In der Folge entstehen etwa zeitgleich Einmart (1980/81) und Hommage à La Sarraz (1981), der erste wiederum eine DEFA-, der zweite  eine freie Produktion, beide ebenso gegenläufig wie kongenial und  vom Publikum spektakulär aufgenommen. Einmart ist ein Zeichentrick- und Flachfigurenfilm. Die Klammer der Story bilden Sequenzen  aus Stalker (Andrej Tarkowski, 1978 / 79) – Pferde durchziehen, gefilmt aus der Vogelperspektive, die Steppe – als auch – Bezug nehmend auf den sowjetischen Film der 1920er Jahre – gekonterte Nahaufnahmen eines Auges. In einer öden, eng begrenzten und düster  anmutenden Landschaft, in der wie auf einem Schlachtfeld Körperfragmente halb belebt vor sich her und gegeneinander existieren (das  eigensinnige Kind findet hier zu einem ersten surrealen Bild: ein aus  dem Boden wachsender krakenähnlicher Arm schlägt auf in der  Landschaft drapierte Frauenbrüste ein), erprobt ein kopffüßelndes  Wesen, dem erst Beine, dann Flügel wachsen, den Ausbruch. Doch  dort, von wo aus die Ferne sicht- und erreichbar wird, verliert es die  Flügel der Fantasie. Zwar sieht es auch andere flügellos die Lüfte  durchziehen, doch scheut dieser Ikarus vor der Fallhöhe der Freiheit  und stürzt zurück in die eigene finster beschränkte Landschaft.  Hommage à La Sarraz knüpft an Metamorphosen I an und geht doch  in mehrfacher Hinsicht weiter. Dammbeck schreibt dazu später: »Ende der 1970er Jahre entwickelte sich bei mir langsam, ausgehend  von der (mehr gefühlten als begriffenen) Faszination für die Filme der  klassischen Avantgarde, des Expanded Cinema oder der Popart, eine  Bewegung weg von der reinen Grafik und Zeichnung hin zur verstärkten Verwendung von Fotografien10, zur Mischung von Zeichnung und  Realfilm, und der Kombination mit Found Footage und Teilen aus Archivfilmen. ... In Hommage à La Sarraz ist für mich alles angelegt,  was später für das Herakles Konzept wichtig wurde, inhaltlich wie  formal. Über das Formale hinaus war für mich der Bezug auf den  Geist von La Sarraz sowohl Polemik [als auch ] ... ein Verweis darauf,  dass es nicht nur Bezugs- und Traditionslinien in der Zeit vor 1933  gab, die Slatan Dudow, Brecht und Kuhle Wampe hießen, sondern  auch Fischinger, Richter, Eggeling, ... und dass ich daran anknüpfen  kann und will.«11 Hommage à La Sarraz ist ein sowohl im Hinblick auf  die zum Einsatz kommenden filmischen Mittel als auch im Hinblick  auf die inhaltliche Vielschichtigkeit und deren manifesten Charakter  ein äußerst komplexer filmischer Streifen, in dem der Künstler die horizontale Bewegung der Erzählung und die vertikale Bewegung der  Auseinandersetzung mit den filmischen Mitteln auf erstaunliche Weise zur Deckung bringt: Auf Schloss La Sarraz, so informiert der Vorspann des Filmes, treffen sich 1929 u. a. Sergej Eisenstein, Grigori  Alexandrow, Eduard Tissé, Ivor Montagu, Béla Balázs, Hans Richter,  Walter Ruttmann, Luis Buñuel und Léon Moussinac. Dieses Jahr  markiert in mehrfacher Hinsicht einen Wendepunkt in der neueren  Kunstgeschichte: Die Auseinandersetzungen und Debatten um Film  und Fotografie erreichten in Westeuropa – nicht zuletzt in der in  Stuttgart eingerichteten Ausstellung Film und Foto – vor der Machtergreifung Hitlers noch einmal einen Höhepunkt. Die visuellen Massenmedien Film und Fotografie sind von nun an fest im öffentlichen  Bewusstsein verankert, selbst wenn die ökonomische Krise in Westeuropa und die sich ankündigenden politischen Veränderungen, aber  auch die kunsttheoretischen Debatten in der Sowjetunion zu einem  Ende der transnationalen europäischen Avantgardebewegung der  1920er Jahre führten. Wie in einem letzten Atemholen treffen sich  »auf Schloss La Sarraz ... bürgerliche Surrealisten, kommunistische  Pathetiker und Konstruktivisten. In den Kongresspausen drehen die  Teilnehmer den improvisierten Film Die Erstürmung von La Sarraz.  Der Kampf des unabhängigen Films gegen den kommerziellen Film.  Eisenstein posiert als Don Quichote des unabhängigen Films.«12 Nur  wenige Monate später unterzeichnet Eisenstein einen Vertrag bei Paramount, der allerdings bald darauf an heftigen Diskrepanzen scheitert.  Lutz Dammbeck hatte kurz vor Beginn der Arbeit an Hommage à La  Sarraz Alexander Kluges Meisterwerk Artisten in der Zirkuskuppel:  ratlos (D 1968) gesehen. Er war nicht nur einer gleichnishaften, offenen und diskursiven Auseinandersetzung mit den aktuellen Utopiepotenzialen im westlichen Teil Deutschlands, sondern in dem von Kluge  verwendeten Filmmaterial aus dem Dritten Reich auch einer visuellen  Ästhetik begegnet, mit der es in der DDR keinerlei fundierte Auseinandersetzung gab. In einem Land, das sich selbstverständlich als  antifaschistisch begriff, war diese Ästhetik gerade im Hinblick auf die Grundlagen der von ihr ausgehenden breitenwirksamen Faszination  ein nicht zu hinterfragendes Tabu. In Hommage à La Sarraz, einer  »Mogollon«-Produktion13, beginnt die Reise im Atelier des Künstlers.  Doch der Blick auf die Welt vor dem Fenster wird überschrieben mit  Fernsehbildern, mit gesellschaftlichen Konditionierungsformaten wie  Nachrichtensendungen, Demonstrationen, Sportgroßveranstaltungen  und Gesellschaftstanz. Pinselschwünge auf der Fensterscheibe führen in die 1920er Jahre, verwandeln sich in Walter Ruttmanns abstrakt-geometrische Formenmetamorphosen. »Die Realität, alles Leben, gerinnt zu Zeichen« ist an der Wand des Ateliers zu lesen. Die  Tonspur präsentiert die aufgrund ihrer Autonomieansprüche zu diesem Zeitpunkt bereits staatlicherseits als systemkritisch gebrandmarkten Freunde14 als Mitglieder der Reichsfilmkammer. Zeichnerische Lineaturen vermessen die Physiognomien, die sich dem wiederum grimassierend entziehen. Realfilm, recycelte Fernseh- und als  projiziert gefilmte Bilder, Übermalungen und Ritzungen lösen einander ab und gehen ineinander über: Im Atelier übt der Künstler kleine  Sprünge – sie sind als Standbilder hintereinander montiert. Eine hölzerne Ikarusgestalt, ein Vogel, überfliegt eine Landschaft. Verlaufslinien von Schlachten überlagern private Szenen und ein weibliches  Gesicht, darüber legt sich immer wieder der »metamorphierende«  Pinselstrich. Die Tonspur zitiert dröhnend völkische Bedrohungsszenarien und Erlösungsfantasien. Das Leipziger Völkerschlachtdenkmal, errichtet zum Gedenken an eines der größten Schlachtfelder der  Geschichte, auf dem Deutsche auf beiden Seiten kämpften, gibt  Schloss La Sarraz. »Real« gefilmt greifen Hände in vorbeirauschende, an die Studiowand projizierte Bilder der Außenwelt. Ein Wasserstrudel zieht diese Bilder wiederum in die trivialen Untiefen eines »real« gefilmten Spülbeckens. Ein Bild der Schauspielerin Hannelore  Hoger als an ihrer Utopie scheiternde Zirkusdirektorin Leni Peickert in  dem oben erwähnten Film Alexander Kluges leitet über zu Straßenschlachten. Männer im Habitus von Funktionären sprechen über die  gesellschaftspolitische Funktion von Massenmedien in Kriegszeiten.  Ein Bäcker trägt ein Backbrett über einen engen Hof. Die Begriffe »Realität« und »Zeichen« tänzeln, in den Film geritzt und ineinander  gespiegelt, vor weißem Hintergrund. Die Reise endet im Atelier, bevor  ein Schwenk über die idyllisch anmutende Silhouette der Stadt Leipzig die Erzählung in Richtung Zuschauer öffnet.  Hommage à La Sarraz, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Kameramann Thomas Plenert, ist auch nach 20 Jahren trotz der komplexen Zeichensprache von irritierender Klarheit. Der Film lässt sich  »buchstabieren« wie ein Text und gewinnt dennoch, insbesondere  durch das »physische« Eingreifen in die als dezidiert projiziert gezeigten Bilder, eine hohe skulpturale Qualität: Dammbeck beschreibt das  Innere seines Ateliers als Höhle Platons, als Inneres einer Skulptur,  als eine Art MERZbau. Doch Dammbecks »Re-MERZfilm« ist bereinigt von der »Reinheit« der Moderne. Wo Kurt Schwitters seine dadaistischen Materialsammlungen Ende der 1920er / Anfang der 1930er  Jahre zu verschließen beginnt und das Atelier in eine konstruktivistisch zersplitterte, aber oberflächenneutrale, partiell von Grotten  durchzogene Innenarchitektur verwandelt, trägt Dammbeck die Verschalungen dieses »White Cube« ab, um die dahinter verborgenen  materiellen Einschreibungen der Zeit freizulegen. In den MERZbau  hatte Kurt Schwitters an zentralem Ort einen sich verkreuzenden  Treibriemen eingebaut und verschalt. Diese energetische Form gerinnt hier zu der komplexen Bewegung zwischen Moderne und Antimoderne – einem der Grundthemen in der Arbeit Lutz Dammbecks.  »Eine Dramaturgin aus Dresden gibt mir den Text Herakles 2 oder  Die Hydra von Heiner Müller. ... Herakles: Kind der Hydra. Die Furcht  vor dem Schritt aus der blutigfeuchten Schoßhöhle in neue, ungedachte Räume. Oder: die Beichte des preisgekrönten Schriftstellers  Heiner Müller, der seinen Weg in die Verstrickung schildert. Oder: Abgesang an den ›starken Helden‹. Leib geworden durch Missbrauch.  Unmöglich, ihn noch mit der Hoffnung auf Veränderung zu beladen.  Herakles: Das eigensinnige Kind. Auf Eigensinn folgt Strafe.« Zu  Dammbecks Auseinandersetzung mit der Herakles-Figur schreibt  Barbara Straka: »Privileg der Götter war es von alters her, in wechselnden Gestalten und Personifikationen erscheinen und handeln zu  können, womit sie die Menschen täuschten und auf ihr irdisches, vergängliches Dasein verwiesen. ...“  In den Herakles-Notizen schreibt  Dammbeck selbst: ›Die Abwesenheit eines festen Bildes des Gottes  ist seine Macht.‹ Folglich liegt es nahe, dass er gerade die sich immer wieder dem Begreifen entziehende Gestalt des Herakles zu seiner  Kunstfigur macht, um sie einer kritischen Demontage zu unterwerfen  und zugleich als Suchbild in allen Varianten denkbarer Projektionen  durchzuspielen. Sein Herakles durchmisst die deutsche Nachkriegsgeschichte über ein halbes Jahrhundert ... Er nimmt unterschiedlichste Rollen und Erscheinungsformen an, er führt vor, wie verfänglich  und vergänglich unhinterfragte Identifikationsmuster sein können.«15  Anfang der 1980er Jahre führt Lutz Dammbeck den Begriff des »Herakles Konzepts« ein. Es dient ihm als Arbeitsplattform, die Leitbilder,  Mythen und Ideologien auf analytische Weise zusammenführt. Realer  Ausgangspunkt ist die Suche nach Spuren der Aktivitäten der KPDWiderstandsgruppe Kresse / Schumann, nachdem er an einem toten  Flussarm des Leipziger Auenwaldes eine auf sie verweisende Gedenktafel entdeckt. Weder das Archiv der SED-Bezirksleitung noch  das Büro der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes können  Auskunft geben. Die Unterlagen im Staatsarchiv, auf die von offizieller  Seite verwiesen wird, sind für Dammbeck nicht einsehbar: Die im Antifaschismus liegende Gründungslegitimation des Staates DDR verweigert Zeugenschaft. Auch im Kreis der Familie erweist sich das  Thema Verstrickung, Opportunismus und Widerstand als kompliziert.  Es entsteht aus Erinnerungen, die aus Fotoalben aufsteigen, ein »feines, schwebendes Gespinst, von jeder Aufzeichnung gefährdet. Für  dieses Gespinst eine Form finden, ohne es zu zerstören. Sichtbar  machen, nicht das Sichtbare vorzeigen oder reproduzieren. ... Der  Mangel an Quellen zwingt mich, mir selbst ein ›Bild‹ zu machen. Aus  Fotos, Fundstücken, Text- und Musikfetzen, Dokumenten und Ahnungen einen Entwurf wagen, dessen Leerstellen die eigene Erfahrung  besetzt. ... Mir war das Konzept des Sozialistischen Realismus zu  eng geworden, und ich glaubte die Ursachen für mein tägliches Unbehagen erkannt zu haben: Das Grundmuster einer Erziehungsdiktatur, die dem Glauben verfallen war, Menschen und Gesellschaften  ließen sich zu einem harmonischen, friedlichen und säkularen, also  materialistisch-heidnischen Utopia formen und erziehen. Ich versuchte nun mit künstlerischen Mitteln, das Wesen oder ›den Bauplan dieser Maschine zu lesen‹ (Heiner Müller), die mit mir in einer Art und  Weise umging, die mir nicht gefiel. Und dabei entdeckte ich durchaus  Analogien im eigenen Verhalten zu dem meiner Eltern in der Nazizeit, z. B. Angst vor Strafe und Karriereschaden bei Nichterfüllung vorgegebener Regeln und Normen, Konformismus und Anpassung an die  vorgegebenen Erziehungsziele. Das begann mich mehr und mehr zu  interessieren: Die Kontinuität solcher Strukturen im Verhalten ganz  normaler Leute und die Regeln und Werkzeuge, mit denen Menschen, die Macht hatten, diese Macht ausübten, um Verhalten zu  steuern.«16 Dammbeck entwickelt ein Konzept zu einem Experimentalfilm in Spielfilmlänge, zum Einsatz sollen jene Mittel kommen, die in  Hommage à La Sarraz freigelegt wurden. »Als um 1983 herum klar  war, dass ich den geplanten Film in der DDR würde nicht realisieren  können, beschloss ich, den Film als multimediales Spiel im Raum  stattfinden zu lassen.«17  Das Verweben unterschiedlicher Raum- und Projektionsebenen und  die Integration der Perspektive des Betrachters in den filmischen Text  wird nun in den Mediencollagen REALFilm und Herakles in den realen Aufführungsraum hinein erprobt und erweitert. Kunstgeschichtlich  ist dies im Zusammenhang mit den Performanceideen der frühen  Pop-Art, dem DADA-Revival am Black Mountain College um John  Cage oder den Wuppertaler Fluxus-Festivals zu sehen. Doch Dammbeck agiert vor deutlich anderem Hintergrund. Sein Zeichenapparat  speist sich aus der Auseinandersetzung mit dem Bildfundus totalitärer  Ideologien.  Von der Mediencollage Herakles ist leider nur eine fragmentarische  filmische Dokumentation überliefert. Deutlich anschaulicher im Hinblick auf die damalige Aufführungspraxis ist die überlieferte Fassung  von REALFilm, die, basierend auf dokumentarischem Material aus  dem Jahr 1986, 2008 geschnitten und montiert wird. Für Dammbeck  ist REALFilm ein Versuch, Licht, Ton und Bewegung, die Grundelemente des Films, von Ideologie und Kommerz zu reinigen. Er dekonstruiert das Medium in den Raum hinein und konstruiert zugleich eine  Geschichte um das eigensinnige Kind und den Helden Herakles. Den  verschiedenen Aufführungen gehen jeweils umfangreiche Vorarbeiten  voraus. Das Bühnenbild resp. Set wird nach den Aufführungen immer  komplett demontiert, um Wiederholungen und Standardisierungen zu  vermeiden. Dennoch arbeitet der Künstler nach einer Art Drehbuch.  Er selbst erscheint sowohl in der Projektion als auch auf der Bühne  als eine Art Ingenieur, der mit einer angesichts der performativen Expressivität der Gesamtsituation irritierenden Gelassenheit zu Werke  geht und die Illusionsmaschine Film in Gang setzt, speist, am Laufen  hält und zerlegt: Er erscheint, im projizierten Eingangsbild, einen überbelichteten Film sichtend, überblendet dies mit Aufnahmen von  politischen Massenveranstaltungen aus dem Dritten Reich und den  frühen Jahren der DDR, tritt dann real auf die Bühne, überschreibt die  filmischen Bilder mit dem Satz »Das ist ein Film« und zerschneidet  die Projektionsfläche entlang der Schrift, reinigt das Licht – auf dem  Boden liegt eine Neonröhre –, führt den Ton auf das Elementare zurück, indem er ein indianisches Schwirrholz betätigt. Eine androgyne  menschliche Gestalt steigt aus einem geburtshöhlenartigen Korbgeflecht, greift nach dem Licht und trägt es in den Raum hinein. Ihre expressiv-puppenartigen Bewegungsabläufe vervielfachen sich in der  Totalen in der Überlagerung von Film, Bühnengeschehen und Schatten. Dammbeck, gleichfalls auf der Bühne, »belichtet« die Szene. Eine zweite Projektion wird seitlich versetzt sichtbar. Die Tänzerin bewegt sich, mit dem »realen« Filmstreifen ringend, im Publikum. Zeichen und Bezeichnetes überlagern sich in Überblendungen von »Alltagsbildern«, Familienfotografien, Aufnahmen aus militärischen Kontexten und Arbeiterbildern. Im Hintergrund trägt Dammbeck in runenähnlicher Schrift Namen wie »Tarkowskij« und Begriffe wie  »Blankfilm« auf die mit privaten resp. militärisch anmutenden Bildern  belichtete Leinwand auf. Die Silhouette der hölzern ekstatisch agierenden Tänzerin legt sich darüber, bevor Dammbeck sie in einen Kokon aus Papierfetzen, Resten der ursprünglichen Projektionsfläche,  wickelt. Die Klammer schließt sich mit der Wiederholung der Eingangsszene: Der Künstler, nun wieder projiziertes Bild, sichtet den  Film und stellt diesen Vorgang dem Publikum zur Schau.  Auch die sicher nur fragmentarische, filmische, also notgedrungen  zweidimensionale Dokumentation dieses »Ereignisses« transportiert  die Radikalität, die rhetorische Wucht, die sich in dieser Mediencollage in den Raum hinein ausbreitet. Dammbeck »entmaterialisiert« die  Bilder und bereichert sie wiederum mit einer auf Archaisches verweisenden direkten sinnlichen Stofflichkeit, mit organischen Substanzen  wie Erde oder Torf, aus denen das Licht geborgen wird, um es in die  »Welt« zu tragen, und Weidenruten und Papieren, die den Mutterschoß und später das kokonartige Grab symbolisieren. Der Künstlerfreund Olaf Wegewitz, auf dessen Anregungen die Verwendung dieser Art Material zurückgeht, setzt sich in seiner eigenen Arbeit mit der  in den Schriften von Claude Lévi-Strauss angelegten strukturalen  Anthropologie auseinander. Der Mythos ist, parallel zur Dekonstruktion des Mediums Film, Zitat und Gegenstand analytischer Untersuchungen jenes Bildmaterials, das die jüngere Geschichte bietet.  Kunst ist, so Godard, nicht die Reflexion der Realität, sondern die  Realität der Reflexion. Das eigensinnige Kind betritt die Welt und wird  mit Bildern vermeintlicher Heldentaten und Idyllen konfrontiert, die es  hinein in den Raum der Betrachtung spiegelt. In der Mediencollage  Herakles und auch in dem Experimentalfilm Herakles Höhle (1983– 1990) kämpft es im Inneren des Grabes, einer pyramidalen Skulptur,  um Autonomie und Befreiung. Das Bild dieser einen androgynen Leib  umschließenden Pyramide, eine halb transparent überzogene Weidenrutenkonstruktion, wird in jenen Jahren zu einer Insignie für das  Schaffen Lutz Dammbecks.  Die Mythologisierung aktueller Gegenwartsbezüge – in der Belletristik  und Literaturwissenschaft war es vor allem die Romantik, die Projektionsflächen für an gesellschaftlichen Umständen scheiternde Aufbruchsversuche bot – ist ein nicht nur DDRspezifisches Phänomen  der ausgehenden 1970er / erste Hälfte 1980er Jahre. Dass Lutz  Dammbeck nicht wie etwa Christa Wolf auf die an ihren Umständen  leidend und zögernd scheiternden Intellektuellen Günderode oder  Kleist zurückgreift, sondern in Bezugnahme auf Heiner Müller auf den  Archetypus des zielorientiert agierenden Kraft und Tatmenschen, ist  wohl eine der Voraussetzungen für die Möglichkeit der produktiven  Fortführung seines Denkansatzes nach der Übersiedlung in die BRD.  1990 gründet Dammbeck, inzwischen seit vier Jahren in Hamburg  lebend, eine eigene Filmproduktionsfirma. Dazwischen liegen – noch  in der DDR – das gemeinsam mit Künstlerfreunden realisierte spektakulär selbstorganisierte Ausstellungsprojekt 1. Leipziger Herbstsalon  – und in der BRD die Produktion eines filmischen Porträts der gleichfalls »ausgereisten« Künstler Hans-Peter Grimmling, Cornelia  Schleime und Hans Scheib. In Der Maler kam aus fremdem Land ...  (1988), einer Auftragsproduktion für SWF / WDR, dokumentiert  Dammbeck aus der Position des Zuhörers sensibel Aussagen über  Fremde, Sehnsucht, Arbeitsbedingungen und das sich verändernde Gesicht von Freundschaft. Das abgedrehte Rohmaterial ist während  eines Transports über die Transitstrecke für acht Wochen unauffindbar und erweist sich dann als belichtet und somit unbrauchbar. Indizien verweisen auf Aktivitäten des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Die  Gründung einer eigenen Produktionsfirma, die Gewinnung von weitestgehender Produktionsautonomie, erscheint nicht nur vor diesem  Hintergrund als logischer Schritt.  Ende der 1980er Jahre nimmt Lutz Dammbeck die Arbeit an einem  ersten Dokumentarfilm in Spielfilmlänge auf. 1992 fertiggestellt, hat  Zeit der Götter 1993 auf den 43. Internationalen Filmfestspielen Berlin  seine Premiere. Angeregt durch eine Pressenotiz über den Kunstsammler Peter Ludwig, der bei Arnold Breker, dem Hofbildhauer Adolf  Hitlers, Porträtbüsten in Auftrag gab, widmet sich Dammbeck ein erneutes Mal dem Bild des heroischen Helden. Er fragt nach der nachhaltigen Faszinationskraft eines Heroischen Realismus, wie ihn Walter Best Mitte der 1920er Jahre propagierte. Ausgangspunkt ist der  Freideutsche Jugendtag 1913 auf dem Hohen Meißner bei Kassel,  auf dem sich künftige Vertreter zukünftiger Reform- und Erneuerungsbewegungen nahezu aller Couleur unter der Flagge der Wandervogelbewegung trafen. Dammbeck folgt den Querverweisen zwischen den verschiedenen Konzepten, die auf die Schaffung »neuer«  Menschen zielen, und einer ästhetischen Haltung, die die »Musterhaftigkeit des Griechischen« postuliert. Die Verbindungen zwischen linken und rechten »Weltheilungsfantasien« werden sichtbar. Dammbeck interviewt Zeitzeugen und führt im Feld des Ästhetischen agierende Naivität, Verblendung, Egomanie und Anmaßung vor, ohne zu  denunzieren. Er verwebt die Fäden, die die Aussagen der verschiedenen Protagonisten bilden. Nicht selten teilt sich Wesentliches weit  mehr über die physische Präsenz der Interviewten vor der Kamera  und über das unausgesprochen Bleibende als über den eigentlichen  Textfluss mit. Man schaut und hört erstaunt und begreift, dass das  Rollenmodell Herkules / Herakles tatsächlich ein zeitloser Archetypus  ist, der hier nicht nur im Hinblick auf Bilder und Bildermacher und  Bildverwerter diskutiert wird, sondern sich bis hinein in den Modus der  Rezeption dieses Filmes realisiert.  In Zeit der Götter tritt – gemessen an früheren Arbeiten – die textuelle  Ebene deutlich in den Vordergrund, und in den folgenden Produktionen wird sich dies noch verstärken. Arbeitsnotizen, Essays, vollständige Fassungen von Interviews, die in den Filmen nur gekürzt Berücksichtigung finden, Essays, lexikalische Verweise etc. nehmen im  Werk Dammbecks eine immer wichtigere Rolle ein. Die anlässlich der  Filmproduktion Das Netz. Adorno, LSD und Internet ins Netz gestellte  und von Lutz Dammbeck als Autor und Redakteur mit Texten und Abbildungen gestaltete Website (www.t-h-e-n-e-t.com) wird nach wie vor  in unregelmäßigen Abständen mit Vortragsmanuskripten, Bemerkungen, Notaten, Diskussionsbeiträgen und Texten resp. Links zu solchen ergänzt. In seinen installativen Arbeiten, die sich seit 2003 vorwiegend aus dem Recherche- und Materialfundus der Filme Das  Netz, Das Meisterspiel und Zeit der Götter speisen, breitet der Künstler in Büchern und Folianten und auf Papieren und Karten, häufig unter Einbindung von dreidimensionalen Modellen oder Skulpturen, eine  Vielzahl von Recherchematerialien aus, legt horizontal und vertikal  und in der Diagonalen Schicht auf Schicht, lädt themenbezogen Spezialisten zu Vorträgen usw. Dabei entstehen, wie bei den Installationen zum Werk von Walter Benjamin What If He Had Arrived (Haus  am Waldsee, Berlin 2004) oder Paranoia (Akademie der Künste, Berlin 2006), für die Besucher benutzbare Raumskulpturen von großer  Dichte. So wie in REALFilm die visuelle Erzählstruktur immer wieder  durchbrochen wird und sich gen Betrachter öffnete, bietet die Website  in Kombination mit dem Film und der im Internet abrufbaren Fassung  des Buches ein potenziell unentwegt agiles, offenes System der Abrufbarkeit, des Schreibens und Überschreibens. Die Auflösung der  Materialität des um den Betrachter erweiterten Kino- und Bühnenraums ist in die Immaterialität des www umgeschlagen. Die erdige  Materialität des Mythos Herakles, des in der Erde liegenden eigensinnigen Kindes, ist in ca. drei Jahrzehnten in die Immaterialität des  digitalen Mythos umgeschlagen.  Mit Re_Re-Education ist für die Präsentation der filmischen Arbeit  Dammbecks im Sprengel Museum Hannover ein Titel gewählt, der  sich auf jüngste und aktuelle Projekte – die 2007 in der Berliner Galerie COMA unter gleichem Titel gezeigte Ausstellung, die in etwa zeitgleich stattfindende aktuelle Ausstellung im Kunst-Raum des Deutschen Bundestages Berlin18 und ein sich in Vorbereitung befindendes  Filmprojekt19 – bezieht. Die Leerstelle Herakles wird nun mit jenem  Re-Education-Programm abgeglichen, mit dem die alliierten Besatzungsmächte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland  Demokratisierung durch Entnazifizierung und Umerziehung betrieben.  Er folgt damit seinem Thema, der komplexen Bewegung zwischen  Moderne und Antimoderne, das Lutz Dammbeck Mitte der 1980er  Jahre mit dem Film Hommage à La Sarraz und dem Herakles-Konzept auf- und eingenommen hat. Der Begriff »Re_Re-Education«  steht für den offenen Prozess, der mit einer solchen Befragung in vielfacher Hinsicht, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Arbeit an dem  eigenen künstlerischen Selbstverständnis, einsetzt.
Inka Schube
Lutz Dammbeckl. Re_RE-Education
Filme 1979 – 2003 
19. Mai – 26. September 2010
Sprengel Museum Hannover

1 Barbara Straka, »Suchbild Herakles«, in: Lutz Dammbeck. Herakles Konzept, Amsterdam u. a.  1997, S. 89.
2 Matthias Flügge, »Das Netz. Über Lutz Dammbecks neuen Film«, in: Museumsjournal 1,  2005. 
3 Heiner Müller, »Herakles 2 oder die Hydra«, 1972, erstmalig abgedruckt in: Theater der Zeit, 6,  1974.
4 »Das eigensinnige Kind«, in: Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Berlin und Weimar  1967 (12. Auflage), S. 498.
5 »Nebenbei und wie selbstverständlich wird der relativ unspezifische Eigensinn explizit in  Diebstahl, Frevel an gebannten Bäumen, Beleidigung der Eltern, ja Vatermord umgedeutet,  enthält also die Konnotation des schlimmsten Verbrechens.« Elisabeth Weber, »Eigensinn«, in:  Wahnwelten im Zusammenstoß. Die Psychose als Spiegel der Zeit, hrsg. von Rudolf Heinz,  Dietmar Kamper, Ulrich Sonnemann, Berlin 1993, zitiert nach www.psychiatrie-erfahrene.de /  eigensinn / eigensinn.htm [26. 3. 2010, 11:00].
6 Lutz Dammbeck, »Besessen von Pop. Wenn während der Tageschau rechts neben der Uhr  ein Punkt ist, läuft nachts um drei ein Pornofilm«, in: ders., Unvollständige Notizen zu Film und  Filmen, Manuskript, o. S.
8 Zu diesem Komplex siehe Claus Löser, »Medien im Interim – Metamorphosen unabhängiger  filmischer Artikulationen im Osten Deutschlands unmittelbar vor und nach dem Paradigmenwechsel 1989«, in: Dieter Daniels und Jeannette Stoschek, Grauzonen 8 mm: Materialien zum  autonomen Künstlerfilm in der DDR, Leipzig 2006, S. 41ff.
9 Lutz Dammbeck,»Hommage à La Sarraz«, in: ders., Unvollständige Notizen zu Film und Filmen, Manuskript, o. S.
10 Lutz Dammbeck verweist auf die Anregungen, die er durch seine damalige Freundin und  spätere Lebensgefährtin, die Fotografin Karin Plessing, empfing.
11 Dammbeck (wie Anm. 9)
12 Ebd.
13 1976 hatten Lutz Dammbeck, Hans Hendrik Grimmling, Frieder Heinze und Olaf Wegewitz  den eben von ihnen begründeten Mogollon-Kunstpreis an den Kunstwissenschaftler Klaus Werner vergeben.
14 Zu sehen sind u. a. Mitglieder der Künstlergruppe Clara Mosch, Karl-Marx-Stadt.
15 Straka (wie Anm. 1), S. 92f.
16 Lutz Dammbeck, »Mediencollagen«, in: ders., Unvollständige Notizen zu Film und Filmen,  Manuskript, o. S.
17 Ebd.
18 Lutz Dammbeck, Atlasmacher, Kunst-Raum des Deutschen Bundestages, 20.4. – 11. 7. 2010
19 Siehe die in dieser Publikation vorliegende Synopse Overgames




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