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Mike Bouchet

Der seit 2004 in Frankfurt lebende US-amerikanische Künstler Mike Bouchet hinterfragt seit den frühen 1990er-Jahren in seinen Arbeiten gesellschaftliche Prozesse und Strukturen und bedient sich dazu unterschiedlichster Medien wie Gemälde, Skulpturen, Installationen, Aktionen, Performances und Videos. Im Vordergrund der künstlerischen Arbeit stehen gesellschaftliche und politische Fragestellungen, die um Themen wie Besitz, Konsum, Kapitalismus und Sex kreisen, aber auch die eigene Rolle als Künstler beleuchten.



PORTRAIT, 2010
 Fotografie: Norbert Miguletz



Nach der Teilnahme Mike Bouchets an der 53. Biennale di Venezia (2009) zeigt die Schirn vom 1. Juli bis 12. September 2010 erstmals in Deutschland neue Arbeiten des Künstlers im Rahmen einer Einzelausstellung. Im Zentrum der Schau steht die Arbeit „Sir Walter Scott“, eine 15-teilige Skulpturengruppe, die aus der Arbeit „Watershed“ hervorging, die Mike Bouchet im Rahmen der Biennale im Hafenbecken des Arsenale in Venedig realisierte. Ergänzt um weitere Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Drucke präsentiert die Schirn unter dem Titel „Neues Wohnen“ eine Reihe von Arbeiten, die sich mit Fragen der Urbanität, mit (Wohn-)Träumen und Utopien menschlichen Zusammenlebens auseinandersetzen.
Mike Bouchet, 1970 im US-amerikanischen Castro Valley in Kalifornien geboren, verbrachte seine Jugend sowohl in den Vereinigten Staaten als auch über einen Zeitraum von fünf Jahren in Spanien. Die Rückkehr in die USA empfand der Künstler als prägendes Erlebnis: Sensibilisiert durch seinen Aufenthalt im europäischen Ausland nahm Bouchet die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der USA mit dem Blick des Außenstehenden wahr und realisierte deren Brüche umso schärfer. Bereits während seines Studiums an der UCLA (University of California, Los Angeles, 1990–1993), unter anderem bei Charles Ray, Chris Burden und Paul McCarthy, beschäftigte sich Mike Bouchet in seiner künstlerischen Arbeit mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen wie Besitztum, Sex oder Konsum und spürte Fragen nach dem Entstehen individueller Fantasien, der Entwicklung von Modetrends oder dem Aufkommen von Populärkulturen nach.



WATERSHED VENICE, 2009
    Installationsansicht, La Biennale di Venezia, 2009
Fotografie: Shane Munro
© und courtesy Galerie Parisa Kind und Mike Bouchet, Frankfurt



Im Rahmen der 53. Biennale di Venezia (2009) fand die bisher spektakulärste Installation Mike Bouchets statt, die gewissermaßen als Prolog für die Ausstellung „Neues Wohnen“ in der Schirn gesehen werden kann und das Thema des Eigenheims beleuchtete. Ein bei Forrest Homes in Selinsgrove, Pennsylvania, gekaufter Holzbausatz für ein Einfamilienhaus wurde anlässlich der Biennale schwimmfähig gemacht und im Hafenbecken des Arsenale in Venedig installiert. Das für US-amerikanische Vorstädte typische Eigenheim des Typs „Sir Walter Scott“ symbolisiert für Bouchet den Traum von Eigenständigkeit und Individualität, ist jedoch gleichzeitig auch eine Art kommerzielle Illusion, die dem Besitzer lediglich ein bestimmtes Lebensgefühl und den Traum von Freiheit und Eigenständigkeit suggeriert. Vor dem Hintergrund der Altstadt Venedigs wirkte die Architektur des Hauses wie ein Fremdkörper, behauptete sich jedoch gleichsam als Modell für eine mögliche Erweiterung der Besiedelung der Stadt und darüber hinaus als Entwurf globalen Lebens auf dem Wasser. Doch der Traum von „Neuen Wohnen“ währte nicht lange: bereits am ersten Tag versank das Haus zu zwei Dritteln im Wasser. Bouchet hatte sich diesen Teil nicht ausgedacht, sprach jedoch daraufhin von einer Signatur, mit der seine Arbeit durch den Zufall des Unfalls versehen worden sei. Nach Ablauf der Biennale wurde das Haus transportfähig zerlegt und in Stapeln auf etwa 15 gleich große Paletten verteilt. Zerstört und transformiert entstand auf diese Weise die neue Skulpturengruppe mit dem Titel „Sir Walter Scott“. Dass es sich hierbei um ein komplettes Haus handelt, ist anhand der geschichteten Quader kaum mehr erkennbar. Bouchet hat an ihnen wie ein Bildhauer gearbeitet, Material hinzugefügt und entfernt, von einem Stapel auf den anderen umgeschichtet und irgendwann die Skulpturen, die allegorisch auf ihre ursprüngliche Bedeutung als Teile des Hauses zurückweisen, für beendet erklärt.
Innerhalb der Ausstellung ergeben die Bauteile, die auf ausgewählte Teppiche gestellt wurden, unterschiedliche gedankliche Konzepte für neue, visionäre Wohnsituationen. Der Teppich, den Michel Foucault als „so etwas wie einen im Raum mobilen Garten“ (Andere Räume, 1967) beschreibt, reicht bis weit in die Kulturgeschichte der Menschheit zurück und erfüllte jeweils unterschiedliche gesellschaftlich-kulturelle Funktionen. Für orientalische Nomaden entsprach der Teppich ihrer mobilen Behausung und markierte darin selbst die Zelteingangstür. Alexander der Große brachte Orientteppiche von seinen Asienfeldzügen mit ins Abendland. Persische beziehungsweise orientalische Teppiche sind einem Garten analog heilige Mikrokosmen, in deren Mitte der Nabel der Welt liegt und deren vier Ecken die vier Weltteile symbolisieren: Afrika, Amerika, Europa und Asien. Sowohl die Motive der Teppiche, ihre Herstellung als auch der Prozess ihrer Auswahl, die Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Modell ergänzen die Skulpturengruppe um eine zusätzliche gedankliche Ebene. Ein weiterer Raum innerhalb der Ausstellung, der die Anmutung eines Maklerbüros hat, beherbergt Gemälde, Zeichnungen, Drucke und Skulpturen, die Bouchets assoziative, sprunghafte und dislozierende Karte neuer Wohnräume und -formen ergänzt. In der Rotunde der Schirn wird eine weitere Installation des Künstlers gezeigt.



SIR WALTER SCOTT, 2010
    Mixed Media
Installationsansicht Schirn Kunsthalle Frankfurt
Courtesy Galerie Parisa Kind und Mike Bouchet, Frankfurt
Fotograf: Norbert Miguletz



In seinem gesamten künstlerischen Schaffen greift Mike Bouchet kontinuierlich gesellschaftliche Fragestellungen auf. 1995 knüpfte der Künstler mit „My Toothbrush is Your Toothbrush“ an den in den 1960er-Jahren an der Westküste der USA gelebten Mythos der Hippiekommunen und die in diesem Zusammenhang propagierte „freie Liebe“ an. Im Rahmen eines über drei Jahre fortlaufenden Happenings hinterfragte Bouchet die Mechanismen dieses utopischen Entwurfs des Zusammenlebens, indem er beliebige Gäste dazu einlud, auf einem als Skulptur gebauten 17,5 Meter langen Futon in seinem Atelier ohne zeitliche Begrenzung zu schlafen und zu leben. Dazu stattete er die Bewohner mit identischen weißen Morgenmänteln, Essen und Marihuana aus. Nach seinem Umzug nach New York (2001) machte der Künstler erneut sein eigenes Studio zum Mittelpunkt eines Kunstprojekts. Für „Warsaw Travel/Travel Warsaw“ richtete er ein voll funktionsfähiges Reisebüro mit Computer-Terminals, eigens gestalteten Reiseplakaten und Urlaubsprospekten ein. Flugreisende konnten ihre Buchung vornehmen, mussten allerdings bei jedem ihrer Flüge einen Zwischenstopp in Warschau einlegen. Dort wurden die Transitpassagiere von einem Fotografen abgelichtet. Hinter dem Projekt verbarg sich die Intention, bewusst abseits des internationalen Luftverkehrs ein neues Drehkreuz für den Flugverkehr einzurichten und Warschau eine neue Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt zuzuschreiben. Immer wieder greift Mike Bouchet Prozesse des Wirtschaftskreislaufs wie Konsumideen, Marketingstrategien oder Outsourcingvorgänge auf. Ob er für „My Cola Lite“ (2004) eine eigene Diät-Cola-Rezeptur entwickelte und abfüllen ließ, um sie nach China zu verschiffen und dort kostenlos verteilen zu lassen, oder für „Carpe Denim“ (2004) eigene Jeans entwarf, diese in Kolumbien produzieren und dann über der Stadt abwerfen ließ, Mike Bouchet findet in seinen Aktionen, Installationen und Skulpturen stets prägnante Bilder für komplexe ökonomische und kulturelle Zusammenhänge und die damit verbundenen Begehrlichkeiten.

Seine Projekte sind Modelle einer gleichzeitig realen und fiktionalen Wirklichkeit. „You cannot alter your place in the world without first altering your image of the world.“ Man müsse, so Bouchet, zuerst sein Bild von der Welt verändern, ehe man seinen Platz in der Welt ändern kann. Bouchets Interesse liegt in der Wirkung von Bildern und den durch sie erzeugten gesellschaftlichen Bedürfnissen. Um dies zu erreichen, genügen ihm in vielen Fällen minimale Verschiebungen von Kontexten.
Mike Bouchets Werke wurden in Einzelausstellungen unter anderem in der BAWAG Contemporary, Wien (2010), im Rahmen der Frieze Projects, Frieze Art Fair, London (2009), im Kunstraum Innsbruck (2005) sowie in Galerien in Frankfurt, Paris, London, New York und Los Angeles gezeigt. Solopräsentationen einzelner Arbeiten fanden im Centre Georges Pompidou, Paris, und im MoCA, Los Angeles (2007), statt. Im Jahr 2009 nahm Mike Bouchet mit der Installation „Watershed“ an der 53. Biennale di Venezia teil. Im Rahmen von Gruppenausstellungen wurden Arbeiten des Künstlers unter anderem in der Galeria de Fundación/ Colección Jumex, Mexico City (2010), der Kunsthalle Bern (2009), im CAPC musée d’art contemporain de Bordeaux (2009), im Astrup Fearnley Museum of Modern Art, Oslo (2008), im Palais de Tokyo, Paris (2006), in der Serpentine Gallery, London (2006), und im P.S.1 Contemporary Art Center, New York (2005), gezeigt.
Mike Bouchet wurde 1970 in Castro Valley, San Francisco, geboren und studierte von 1990 bis  1993 an der University of California in Los Angeles, unter anderem bei Richard Jackson und Paul  McCarthy. Seit 2004 lebt und arbeitet Bouchet in Frankfurt.    Die Idee neuer Wohn- und Lebensräume für eine sich immer weiter ausbreitende Menschheit,  wie sie häufig in Science-Fiction-Formaten thematisiert wird und die immer wieder die humanistische Utopie eines Neuanfangs bemüht, inspirierte Mike Bouchet zu seiner Arbeit Watershed, die  vor einem Jahr zur 53. Biennale in Venedig entstanden ist. Watershed ist ein 240 qm großes  amerikanisches Einfamilienhaus. Bouchet setzte das Haus auf das Wasser, wo es in stilistischem  Gegensatz zur pittoresken Architektur Venedigs einsam und menschenleer auf der Stelle trieb.  Es wurde bei einer großen Herstellerfirma für Häuser in den USA bestellt – eine einfache Holzkonstruktion, verkleidet mit Paneelen aus Kunststoff, eine Doppelgarage und zwei Säulenattrappen links und rechts des Eingangs. Millionen von Amerikanern wohnen in derartigen Häusern.    „Objekte”, so der Künstler, „sind entweder Ergebnisse von Aktionen oder beziehen sich auf Aktionen oder haben Aktionen zum Vorbild.“ (Objects are either the result of actions, or come about  in association with actions, or with the thought of an action). Häufig sind seine Skulpturen von  Aktionen inspiriert und beeinflusst. Watershed sank bei der Installation in Venedig aufgrund eines  Lecks in einem der Pontons und wurde daraufhin von der italienischen Marine als Schiffswrack in  ihren Gewässern erklärt. Nach 24 Stunden unter Wasser wurde es aus dem Meer geborgen und  für die Dauer der Biennale wieder flott gemacht.    Während der Konstruktion des Hauses begann sich Bouchet für ebensolche Konstruktionsprozesse zu interessieren, insbesondere die Transformation von „vollendeten“ Objekten und das  Umordnen von Materialien aufgrund weiterer bildhauerischer Entscheidungen. In diesem Fall  schuf das Zerteilen des Hauses mit Kettensägen in genau die Grundformen, in die das Baumaterial für das Haus ursprünglich unterteilt war, die Grundlage für eine neue Skulptur.    Die Skulptur Sir Walter Scott, benannt nach der Typenbezeichnung des Hauses, ist das Ergebnis  einer Transformation des Materials dieser Aktion. Die minimalistische Ordnung der aus Hausteilen geschichteten Quader täuscht bewusst über die Komplexität und Spannung der einzelnen  Kompositionen hinweg. Vieles kommt dabei zur Geltung – der bildhauerische Prozess des Künstlers, die (annähernd) originalen Dimensionen des Rohmaterials des Hauses, die Schaffung einer  Innenarchitektur des Ausstellungsraumes, die Repräsentation von Müll/Schrott und die Umkehrung dieses Zustands (mit Hilfe von Teppichen) ebenso wie die allegorische Rückführung auf  seine ursprüngliche Bedeutung (ein Haus) und die Vergänglichkeit von Architektur im Allgemeinen.    Ein weiterer Ausstellungsraum, durch eine Glastür begehbar, ist mit einem Teppich, einem Bürotisch und einem Stuhl sowie zahlreichen Bildern und Skulpturen ausgestattet. Neben monochrom  wirkenden Holztafeln in unterschiedlichen Größen versammeln sich aus dem Watershed abgefallene Träger, gekreuzigte Herrscher der expressiven postkonstruktivistischen Ära der 1950er Jahre, sowie ein lebenslänglich verurteiltes USM-Haller-Bücherregal in einem dysfunktionalen Show-  und Verkaufsraum für Bouchets Pool-Spezialanfertigungen. Skizzenartige Ausarbeitungen von  kubistischen Pool-Architekturen, anlehnend an Entwürfe von Zaha Hadid ebenso wie derzeit modische random-form-Architekturen werden neben anderen Poolkonzepten und neuen Anwendungen existierender Architekturen gezeigt. In die Rotunde hat Bouchet schließlich einen Wasserfall mit Namen Colony Garden installiert und dafür das zum Bau eines Hauses nötige Gerüst  in einen frei stehenden Turm umfunktioniert. Ein 16 qm großes Plateau erscheint wie eine im  Raum schwebende Insel, darauf ein saftig grüner Rasen, der einmal am Tag bewässert wird.
Mike Bouchet - Neues Wohnen
1. Juli – 12. September 2010
Schirn Kunsthalle Frankfurt





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